Das Unsichtbare mit dem Unbesiegbaren verweben

Das Unsichtbare mit dem Unbesiegbaren verweben

– ein Feature über Lena Kriströms Bildhauerei

von Bettina Faltis

2019 ist „mein schwedisches Jahr“. Zweimal bin ich in ein Land gereist, in dem ich noch nie zuvor gewesen bin. Jedes Mal scheinbar die Suche nach einer kontroversen Herausforderung, was das wirklich bedeutet, lässt sich wohl nur im Nachhinein sagen. Aber das eben nur wahrscheinlich. Und ich habe das Gefühl, dass ich auf dieses „wahrscheinlich“ keine Antwort brauche, denn ich folge einzig und allein meiner Intuition und das fühlt sich vollkommen richtig an.

Im Sommer wollte ich eigentlich in Südschweden bleiben, aber mein Bauchgefühl sagte: „Folge deiner inneren Stimme und reise in den Norden, nach Lappland.“ Mein gesunder Menschenverstand versucht sich einzumischen und gegen diesen Impuls zu argumentieren: „Viel zu weit, um mit dem Auto zu fahren“, „Viel zu teuer“ und „Es muss nicht weit sein, um einen guten Urlaub zu machen“. Keine Chance, das Bauchgefühl siegt leicht übe die Stimme der Vernunft.

Also beginne ich meine Reise nach Kiruna um 5.30 Uhr morgens. Es ist die längste Strecke und Fahrt meiner Autfahrerkarriere. 20 Uhr ist das Ziel erreicht und ich habe die erste Blase vom stundenlangen Halten des Gaspedals im gleichen Winkel. Aber: Geschafft für heute, jetzt ist es Zeit, meinen erschöpften Körper schlafen zu legen und meinem Geist eine Pause zu gönnen. Morgen ist noch Zeit, Kiruna zu erkunden.

Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens und voller Kontraste. Es sind diese Kontraste, die mich dorthin geführt haben. Umgeben von einer der letzten echten Wildnisse und gleichzeitig einer der größten Eisenerzminen Europas. Beides macht das Gesicht der Stadt aus.

Und dann ist da natürlich noch das Eishotel am Ufer des Flusses Thorne in Jukkasjärvi. Das ganze Jahr über zieht es Tausende von Touristen aus der ganzen Welt an.  In diesem Sommer bin ich einer von ihnen. Ich wandere durch die Gänge und Suiten des Icehotel 365, das erst vor zwei Jahren eröffnet wurde. Die kristalline Schönheit der eisigen Formationen macht mich sprachlos, wie so viele Menschen vor mir. Einige von den Suiten haben ein bestimmtes Thema, aber alle haben ihre eigene Formensprache. Um dieses Staunen zu erleben, muss man bereit sein, die Kälte zu akzeptieren. Eine weitere Herausforderung, der man sich stellen muss, aber immerhin eine, die es wirklich wert ist. In diesem Königreich des Eises ist alles besonders und außergewöhnlich. Aber wie so oft sind es unsere ganz individuellen Wahrnehmungsfilter, die dem Ganzen manchmal das Sahnehäubchen aufsetzen.  Für mich persönlich ist es das Zusammenspiel von Wort und Form, das Spiel mit den Worten. Auf meinem Streifzug durch die Art Suites ist mir ein Thema in Erinnerung geblieben: Die unsichtbare, unbesiegbare Armee. In diesem Raum sind überlebensgroße Figuren abgebildet, die auf den ersten Blick nichts mit einer Armee gemein haben, außer dass sie alle in eine Richtung marschieren. Es gibt also eine Lücke, die ich nicht überbrücken kann, eine Lücke zwischen Wort und Form. Deshalb bleibt das Unsichtbare, Unbesiegbare in meiner Erinnerung, auch nachdem ich schon seit Monaten wieder zu Hause bin.

Im Winter 2019 bin ich zurück. Die arktische Faszination ist wie ein Virus, der, wenn er einmal ausgebrochen ist, ein ganzes Leben bleiben kann. Aber der lappländische Hochsommer ist 360° anders als der arktische Winter. Da ist sie wieder – die kontroverse Herausforderung. Jukkasjärvi, der Thorne-Fluss mit seiner vereisten Oberfläche ist jetzt ein Spielplatz für Schlitten- und Motorschlittentouren und das Icehotel steht jetzt in seiner vollen winterlichen Blüte mit vielen erweiterten Räumlichkeiten. Das Mittagessen nehme ich im Restaurant gegenüber dem Hotel ein. Im Eingangsbereich stolpere ich über wundersam ansprechende Skulpturen. Sie scheinen ihre eigene Sprache zu sprechen und erzählen Geschichten, wie Menschen miteinander verbunden sind. Die menschliche Verbindung auf so vielen verschiedenen Ebenen. Zwischen den Generationen. In der Familie. In der Partnerschaft. Mit Freunden. Mit der Weiblichkeit. Mit der Männlichkeit. Mit sich selbst. Da fällt mir ein englisches Wort ein: intermingling. Bedeutet „intermingling“, dass ein Vermischungsprozess zwischen den Gegensätzen stattfindet? Dass durch die Vermischung vielleicht sogar die Gegensätze überbrückt oder vielleicht aufgehoben werden in dem Sinne, dass sie als zu einer größeren Einheit gehörig wahrgenommen werden können?

Über diese Gedanken würde ich mich gerne mit der Künstlerin selbst austauschen. Zum Glück gibt es ein Schild mit einer Telefonnummer und der Information: Treffen Sie die Künstlerin in ihrem nah gelegenen Atelier. Ich wähle die Nummer von Lena Kriström und sie nimmt den Anruf entgegen. Wir vereinbaren, uns in einer halben Stunde an der Rezeption zu treffen. Es ist einer dieser Momente in meinem Leben, in denen ich spüre, dass es absolut richtig ist, diese noch unbekannte Person zu treffen. Bauchgefühl. Wieder einmal hat mein intuitiver Impuls recht behalten. Auf den ersten Blick gefällt mir ihre freundliche und bescheidene Art. Lena zeigt mir eine Skulptur eines Dreier-Ensembles in der Eisproduktionshalle und dann fahren wir zu ihrem nah gelegenen Atelier. Es ist ein Rückzugsort, in dem sie ihr ganzes Leben der Kunst gewidmet hat. Ich erzähle ihr, warum mich ihre Skulpturen im Eingangsbereich des Restaurants in ihren Bann gezogen haben: „Es geht ums Geschichtenerzählen. Deine Kunst erzählt Geschichten.“  Sie antwortet: „Meine Kunst soll dem Betrachter Raum für seine eigene Interpretation geben. Für dich war es Storytelling.“ Ich stimme ihr voll und ganz zu, dass das Betrachten von Kunst eine wunderbare Möglichkeit ist, den eigenen Fokus oder das eigene Thema in einem Kunstwerk zu finden. Sie zeigt mir ihre Modelle und erklärt, dass sie nicht nur aus Eis, sondern auch aus Magnetit und anderem Gestein Kunst geschaffen hat. In all den Jahrzehnten der Bildhauerei hat Lena ihre ganz eigene Ausdrucksweise gefunden. Ihre Skulpturen haben eine einzigartige Handschrift und für mich sind es Form und Wort, die sich in Lenas Kunst vermischen und eine besondere Geschichte erzählen. Später erfahre ich von ihr, dass „Die unsichtbare unbesiegbare Armee“ eines ihrer Werke ist, dass sie zusammen mit einer Künstlerkollegin gemacht hat. „Es bezieht sich auf #metoo“, erklärt sie. Da ist sie also, die Verbindung zwischen den überlebensgroßen Figuren und den marschierenden Soldaten.

Vielleicht ist diese Verbindung die Antwort auf all die kontroversen Herausforderungen, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin. Bleiben oder gehen. Sommer und Winter. Zusammen oder getrennt. Ich und die anderen. Hitze und Kälte. Lenas Kunst erzählt Geschichten über uns Menschen. Eine Antwort könnte sein, dass wir die Kluft genau damit überbrücken – einfach nur menschlich zu sein. Das zu sein, was wir wirklich sind.

© Bettina Faltis

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